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23.10.2015  |  Kommentare: 0

Du kriegst kein Weißes ohne Geld

Du kriegst kein Weißes ohne Geld
Der Barbier von Sevilla an der Grazer Oper


Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, in seiner Heimat Frankreich schlicht Beaumarchais genannt, war einer der „Lumières“, ein Kind der Aufklärung. Diese Geisteshaltung versprüht „Die Hochzeit des Figaro“ durch jede Silbe. Mit seinem „Der Barbier von Sevilla“ allerdings verfolgte er andere Ziele, als jene der Läuterung des Publikums: Er wollte einfach unterhalten. Unterhalten wurde und wird das Publikum jedenfalls und zwar auch durch das Melodramma buffo des Gioachino Rossini, dessen Vorlage das Beaumarchais Stück lieferte. Das Libretto stammt von Cesare Sterbini.

Das Credo Beaumarchais? Die Helden sollten nicht länger Marionetten des blinden Zufalles sein. Nein. Selbst sind sie fortan Herr ihres Schicksals, indem sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Und der wahre Held der Geschichte? Nicht der Aristokrat Almaviva (stimmlich beeindruckender Tansel Akzeybek), nicht der bürgerliche Dr. Bartolo (Wilfried Zelinka, grandios und zu Recht mit dem meisten Beifall bedacht) ist, sondern der örtliche Friseur. Das kam im 18. Jahrhundert einer Revolution gleich!

Mit immer neuen Tricks und Listen gelingt es dem schlauen Figaro (mitreissend gespielt und gesungen von Isaac Galán), dass das reiche, schöne Mündel Rosina (eine energiegeladene Anna Brull) und ihre Graf letztlich zueinander finden, und dass Dr. Bartolo düpiert zurück bleibt.
 

Die Handlung ist rasant und spritzig. Aufklärung prallt auf das italienische Feuer und beide zusammen ergeben ein Feuerwerk aus Witz und Esprit und nicht zuletzt himmlischer Musik.

Der Barbier von Sevilla“ wurde grandios von Axel Köhler, der als Countertenor internationale Erfolge (z.B. bei den Salzburger Festspielen, in Dresden, Hamburg und am Royal Opera House Covent Garden) gefeiert hat, inszeniert und feierte unter der musikalischen Leitung von Robin Engelen am 22. Oktober Premiere an der Grazer Oper.
 

Das bedarf einiger Aufklärung

Für Romantik bleibt kaum Platz. Der erste günstige Moment wird genutzt, um zur Sache zu kommen. Graf Almaviva packt sein dunkelbraunes Gemächt aus und fickt (Ja, es ist ficken, nicht Liebe machen!) Rosina zwei Mal in Anwesenheit des Dr. Bartolo. Dies mutet eher einer Machtdemonstration des Adels gegenüber dem Bürgertum an als einer beginnenden Liebesbeziehung.

Überhaupt ist der Triumpf der Liebe ein vermeintlicher. Ohne sein Geld wäre es dem Grafen nicht möglich, alle zu bestechen und sich so letztlich seine Rosina zu "erkaufen". Frei nach der österreichischen Band „Wanda“: Du kriegst kein Weißes ohne Geld.
 

Auch wenn sich letzten Endes Dr. Bartolo mangels Alternativen mit der Mitgift zufrieden gibt und Rosina ziehen lässt, scheint seine Liebe zum Mündel durchaus echt und tief zu sein.

Seine rasende Eifersucht lässt ihn schließlich alle Hüllen fallen lassen. Er entblößt sich emotional regelrecht bis auf die Knochen, wenn er in seinem fluoreszierenden Skelett Shirt auf der Bühne steht.

Figaro ist ein Star- Friseur, der jedes Klischee der Jetzt-Zeit bedient. Schräge Frisuren, schrille Kleidung, Hansdampf in allen Gassen und zuverlässiger Lieferant von Koks, Frauen und Waren aller Art. Sogar Nötigung mit Hilfe eines kompromittierenden Schnappschusses des Dr. Bartolo war dabei.
 

Zur Zeit der Entstehung des Stückes hatten die Barbiere teilweise Aufgabenbereiche, die sich mit jenen der Bader, also der Ärzte, überschnitten. Das führt in dieser Inszenierung dazu, dass der Friseur dem Arzt Bartolo eine Spritze verabreicht und ihn so mit seinen eigenen Waffen außer Gefecht setzt.

Jungredakteur Laurenz war in Anbetracht der drei Stunden ganz schön gefordert. Trotz aller Ankündigungen, jetzt bald sicher einzuschlafen, gelang es lange nicht. Zuviel war auf der Bühne los. Ein Klamauk jagte den nächsten. Die letzten 15 Minuten allerdings waren für Laurenz nicht vom Esprit der Rapid Viertelstunde getragen. Selig schlummerte ein, um erst vom tosenden Premieren Applaus wieder geweckt zu werden. Kann es etwas Schöneres geben, als von Rossinis Klängen in den Schlaf gesungen zu werden?

Einig waren sich die beiden jungen Herren unserer Redaktion bei der Frage, was ihnen denn am besten gefallen habe: das Lied am Anfang. Das "Figaro, Figaro, Figaro, Figaro...". Das verwundert kaum. Wer könnte sich auch dem Reiz der furiosen Arie "Largo al factotum" entziehen!
 

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüm Timo Dentler und Okarina Peter) transportiert die Gemütsverfassung der Protagonisten perfekt und trug wesentlich zur Dynamik des Stückes bei.

Die Kostüme bestachen vor allem durch ein haariges Thema. Die Perücken waren die Stars, die Kleidung eher Statist. Gelungen der Einfall, die bestechlichen Soldaten als Läuse verkleidet auftreten zu lassen.
Ein durch und durch gelungener Premierenabend!


Fotos: Oper Graz


 

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