
Die Rushhour beginnt im Salon der „J.Sisters“ eine gute Stunde früher als anderswo in Manhatten: Bereits um sieben Uhr morgens strömen die weiblichen und gelegentlich auch männlichen Kunden in die dritte Etage des Vanderbilt-Townhouse, wo sie die sieben brasilianischen Schwestern Jonice, Joyce, Josie, Janea, Juracy, Judseia und Jocely erwarten. Wer pünktlich um neun im Office erscheinen und sich vorher ein komplettes Schönheitsprogramm gönnen möchte, kommt in den Genuss gleichzeitiger Maniküre und Pediküre sowie diverser Haar-Treatments.
In einem stilleren Flügel des Salons, an dessen holzgetäfelten Wänden Fotos der Starklientel – von Naomi Campell über Gwyenth Paltrow bis J.Lo – hängen, wird jene radikale Prozedur durchgeführt, für die die J.Sisters berühmt sind: das Brasilian Waxing. Bossa-nova-Klänge dringen auch noch durch die Tür der kleinen Kabine, in der man sich mit entblößtem Unterleib auf eine Pritsche zu legen und der Expertise von Joyce anzuvertrauen hat. Freundlich, doch bestimmt spreizt sie die Beine ihrer oft verängstigten Kundin zu einer recht akrobatischen Position und stäubt Babypuder über die gesamte Region. Das Schamhaar wird mit einer kleinen Schere schnell auf einen knappen Zentimeter gestutzt, dann appliziert Joyce im Schein einer hellen Lampe mit einem Holzstäbchen flüssiges Wachs auf die empfindliche Haut. Ihre Geschichte über eine Freundin, deren Verlobter sie nach acht Jahren auf der Stelle heiratete, als er ihre haarlose Scham erblickte, ist ein kaum verschleiertes Ablenkungsmanöver, während sie einen Mousselinestreifen nach dem anderen auf das warme Wachs presst und mit einem Ruck abreißt. Sie weist auf ihre muskulösen Oberarme hin, die ihr diese Arbeit eingebracht hat und die das brutale Verfahren keineswegs schmerzlos, aber erträglich machen. Nicht ein einziges Härchen duldet sie selbst in den entlegensten Winkeln der Intimzone, doch auf Wunsch lässt sie ein winziges Restchen übrig, kaum mehr als eine Ahnung des Erwachsenseins. Im Anschluss an die drastische Verjüngungsaktion tätschelt sie eine vitamin- und aspirinhaltige Creme auf die gerötete Haut und reicht einen Handspiegel, in dem man sich nun als präpuberträres Mädchen entdeckt. „Willkommen im Club“, sagt Joyce und verspricht komplizenhaft den allerbesten Sex: Männer sollen die exhibitionistische Nacktheit nicht nur als taktile, sondern auch als voyeuristische Bereicherung begrüßen. Die verlorenen Löckchen wachsen in frühestens einem Monat wieder nach.
(dz)
die-frau.ch
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